Rosmarin und das Nervensystem: Was die Forschung über Gedächtnis, Stimmung und Stress zeigt

Rosmarin und das Nervensystem: Was die Forschung über Gedächtnis, Stimmung und Stress zeigt

Der kulinarische Ruf von Rosmarin wird dem Umfang der wissenschaftlichen Untersuchungen, die zu diesem neuropharmakologischen Heilkraut durchgeführt wurden, nicht gerecht. Eine umfassende Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2020 im „Iranian Journal of Basic Medical Sciences“ fasste die Forschungsergebnisse zu den Wirkstoffen des Rosmarins – vor allem Rosmarinsäure, Carnosinsäure, Carnosol und Ursolsäure – sowie deren Auswirkungen auf Gedächtnis, Stimmung, Epilepsie und Neurodegeneration zusammengefasst, wobei sowohl auf Zell- und Tierversuche als auch auf eine wachsende Zahl von Studien am Menschen zurückgegriffen wurde.

Die Wirkstoffe hinter den Effekten

Der therapeutische Ruf von Rosmarin beruht hauptsächlich auf vier Inhaltsstoffen: Rosmarinsäure und Carnosinsäure (die beiden als medizinisch am bedeutendsten angesehenen) sowie Rosmanol und Ursolsäure. Diese Verbindungen weisen in der untersuchten Literatur antimikrobielle, entzündungshemmende, antioxidative, antiapoptotische, antinozizeptive (schmerzlindernde) und neuroprotektive Eigenschaften auf – und das allgemeine Sicherheitsprofil von Rosmarin ist gut belegt und wird von der FDA als „im Allgemeinen sicher“ eingestuft.

Forschung zu Gedächtnis, Lernen und Alzheimer

Bei Ratten mittleren Alters führte die 12-wöchige Verabreichung eines auf 40 % Carnosinsäure standardisierten Rosmarinextrakts zu einer Steigerung der räumlichen Gedächtnisleistung und einer erhöhten Aktivität der antioxidativen Enzyme SOD und CAT im Hippocampus – der Gehirnregion, die für das Gedächtnis von zentraler Bedeutung und am anfälligsten für oxidativen Stress ist. Insbesondere Carnosinsäure aktiviert nachweislich den antioxidativen Keap1/Nrf2-Signalweg, denselben Schutzmechanismus, der in mehreren Studien zur Neurodegeneration eine Rolle spielt. In Tiermodellen mit Alzheimer-ähnlicher Pathologie reduzierte die Behandlung mit Carnosinsäure die Anzahl der Amyloid-β-Plaques und verbesserte das Gedächtnis sowie die Lernleistung im Morris-Wasserlabyrinth-Test.

Evidenz beim Menschen, nicht nur in Tiermodellen

In einer Studie mit 144 gesunden Probanden führte das Einatmen von Rosmarinöl zu messbaren Effekten sowohl auf die Stimmung als auch auf die objektive kognitive Leistungsfähigkeit. Unabhängig davon verbesserte Rosmarinpulver in einer üblichen kulinarischen Dosis (750 mg) die Gedächtnisgeschwindigkeit bei 28 älteren Erwachsenen (Durchschnittsalter 75) – ein seltener Fall, in dem die Wirkung von Rosmarin bei einer tatsächlich ernährungsrelevanten Dosis nachgewiesen wurde und nicht nur bei einem konzentrierten Extrakt.

Stimmung: Angst und Depression

Rosmarinextrakt hat in mehreren Tierverhaltentests antidepressive Wirkungen gezeigt, die über Wechselwirkungen mit noradrenergen, dopaminergen und serotonergen Systemen zustande kommen – und eine chronische Verabreichung reduzierte anhedonisches Verhalten (ein zentrales depressionsähnliches Symptom in Tiermodellen) ähnlich wie das Referenz-Antidepressivum Fluoxetin. Was Angstzustände betrifft, so reduzierte inhaliertes ätherisches Rosmarinöl in Tierstudien Stressmarker (Senkung des Serumkortikosterons) und erhöhte gleichzeitig den Dopaminspiegel im Gehirn, was mit einer Modulation der Hypothalamus-Hypophysen-Nebennieren-Achse (HPA) übereinstimmt.

Epilepsie und neuropathische Schmerzen

Rosmarinextrakt verringerte in Tiermodellen der Epilepsie die Schwere und das Auftreten von Anfällen und reduzierte den Neuronenverlust sowie Gedächtnisbeeinträchtigungen nach induzierten Anfällen – Wirkungen, die die Übersichtsarbeit mit den antioxidativen und gegen Glutamat-Toxizität wirkenden Eigenschaften von Rosmarin in Verbindung bringt. Unabhängig davon führte in einer klinischen Studie mit 46 Diabetespatienten eine Aromatherapie-Massage mit ätherischem Rosmarinöl zu einer signifikanten Verringerung der neuropathischen Schmerzwerte und zu einer Verbesserung der Lebensqualität – eines der für Patienten unmittelbar relevantesten Ergebnisse der Übersichtsarbeit.

Fazit

In den Bereichen Gedächtnis, Stimmung, Epilepsie und Neuroprotektion beruhen die Wirkungen von Rosmarin auf einer Reihe konsistenter Mechanismen – antioxidative Aktivität über den Keap1/Nrf2-Signalweg, entzündungshemmende Wirkung und Modulation von Neurotransmittersystemen (Dopamin, Serotonin, GABA). Die Evidenz umfasst sowohl echte Studien am Menschen (Aromatherapie, Gedächtnisstudien mit kulinarischen Dosierungen, neuropathische Schmerzen) als auch einen weitaus umfangreicheren Bestand an Tier- und Zellforschung – die Übersichtsarbeit selbst fordert weitere klinische Studien speziell zu isolierten Verbindungen wie Carnosinsäure und Rosmarinsäure, um diese Erkenntnisse vollständig in therapeutische Anwendungen umzusetzen.

Literaturhinweise
[1] Ghasemzadeh Rahbardar, M.; Hosseinzadeh, H. „Therapeutische Wirkungen von Rosmarin (Rosmarinus officinalis
L.) und seinen Wirkstoffen bei Störungen des Nervensystems.“ Iran J. Basic Med. Sci.
2020, 23, 1100–1112. https://doi.org/10.22038/ijbms.2020.45269.10541
(Open Access)

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